Aurélie Nyirabikali Lierman
Mi, 30/01/2019, 19:30 Uhr
Konzert

CTM 2019: CTM 2019: Aurélie Nyirabikali Lierman, Pedro Oliveira


Konzert im Rahmen des CTM 2019 Festivals – Persistence

Aurélie Nyirabikali Lierman untersucht mit ihrer Arbeit „Sogokuru“ überlieferte und gegenwärtige Formen des Animismus in Ruanda. Dabei setzt sie sich mit Strategien auseinander, die dieser Weltanschauung trotz brutaler Unterdrückung während des Kolonialregimes und zahlreicher gesellschaftlicher Umbrüche das Überleben ermöglichten. Lierman, die in Ruanda geboren wurde, aber in Belgien aufwuchs, findet den Hauptgegenstand ihres Projekts im Leben ihres hundertachtjährigen Großvaters, einem der letzten traditionellen Jäger und Heiler des Landes. In vorkolonialer Zeit geborenen, musste er nicht nur die belgischen und deutschen Kolonialregime erdulden, er erlebte den Unabhängigkeitskampf der 1950er Jahre, überlebte den Genozid und die Kriegsgreuel der 1990er Jahre und bietet bis heute dem nicht immer einfachen Alltag und der Politik des gegenwärtigen Ruanda die Stirn.

Der Klangkünstler und Kulturwissenschaftler Pedro Oliveira beschäftigt sich mit Artikulationen von Gewalt in Klang- und Hörpraktiken. Seine künstlerische Forschung widmet sich der Untersuchung der disziplinarischen Nutzung von Klangphänomenen in staatlichen Sicherheitssystemen, aber auch der Vielfalt gewalttätiger und oftmals widerständiger Klang- und Musikformen der Straße. In seinem für das CTM Festival und für Deutschlandfunk Kultur entwickelten Stück befasst er sich mit Techniken der algorithmischen Akzenterkennung durch Klangbiometrien im deutschen Migrations- und Grenzsystem. Dabei geht es ihm darum aufzuzeigen, inwiefern sich in den Sicherheitsarchitekturen und ihren taxonomischen Praktiken koloniale Gewaltverhältnisse fortsetzen und welche Möglichkeiten es gibt, sich diesen Gewaltregimen zu widersetzen.

CTM wird 20! Seit 1999 versteht sich das Festival, als stets nur vorläufiges Forum für den Austausch und die Vernetzung unterschiedlicher kreativer Communities. Zugleich stellt CTM einen weit geöffneten Möglichkeitsraum, in dem Menschen jeglicher Hintergründe oder Interessen kulturelle Zwischenräume finden und austesten können. Damit steht das Festival entschlossen zwischen allen Stühlen. Die beständige und ausdauernde Suche, das ergebnisoffene Experiment, Neugierde gegenüber Neuem und Unbekanntem, radikales Pluralisieren und die Verweigerung Komplexes ungebührend zu vereinfachen ohne dabei Erleben, Erfahrung und Freude an der Auseinandersetzung zu vernachlässigen – das alles macht CTM aus. Die 20. Ausgabe des Festivals ist daher weniger ein Grund zur Nabelschau, als vielmehr neuer Ansporn im Sinne dieser Haltung weiterzumachen. Trotzdem ist es natürlich keine Kleinigkeit, ein unabhängiges Festival über so einen langen Zeitraum zu erhalten und zu entwickeln. Das Festival hat sich daher unter dem Titel Persistence vorgenommen, gemeinsam mit neuen und vertrauten Künstler*innen und Partnern die ästhetischen und gesellschaftlichen Potentiale und Zumutungen von Beharrlichkeit und Flüchtigkeit, des Stetigen und des Vorläufigen zu befragen. Angesichts des polarisierenden politischen Klimas, liefert der Titel Persistence nicht nur ein passendes Sinnbild für 20 Jahre CTM Festival, sondern stellt zugleich die Frage danach, wofür es sich heute überhaupt noch lohnen könnte, beharrlich zu sein – und in welcher Form.

  • Aurélie Nyirabikali Lierman: »Sogokuru«

  • Pedro Oliveira: »A Series of Gaps Rather than a Presence«

https://www.ctm-festival.de

  • Dauer: 02:00h
  • HAU2
  • Hallesches Ufer 32, Berlin