So, 07/10/2018, 20:00 Uhr
Konzert

StudioChor Berlin und Kammerakademie Halle, 27, Uraufführung Frithjof Eydam, Leitung Alexander Lebek, dazu 20. Klavierkonzert d-Moll KV 466 von W.A. Mozart mit Anastassiya Dranchuk KV

Zu den Texten von 27
Die Musik von 27 vertont neun Gedichte, die der amerikanische Schriftsteller Edgar Allan Poe (1809-1849)
verfasst und noch 1827 als Teenager in Boston publiziert hat.
Zweifellos gehört Edgar Allan Poe zu den herausragenden Künstlern des 19. Jahrhunderts. Seine Werke mit ihrer
luziden Kenntnis über die dunkle Seite des Menschen und die Abgründe unserer Gemütsverfassungen zum einen,
mit ihrer rationalen Brillanz aber auch, wenn es in dem von ihm mitbegründeten Genre der Detektivgeschichten
um das Aufdecken der Spuren des Bösen geht, machen Poe zum vielgenannten literaturhistorischen Ahnherrn
heutiger (Populär-)Kultur - für Fantasy-Fiction à la Star-Wars genauso wie für das überbordende Krimi-Genre als
Ganzes.
Dass für Poe die Kraftquelle künstlerischer Produktivität in der Auseinandersetzung mit seiner in jeder Hinsicht
ungefestigten Existenz läge – dazu gibt er mit seinen ersten Werken, eben jenen 1827 entstandenen Gedichten,
deutliche Hinweise.
Schon mit den ersten Versen zeigt der Teenager darin ein ICH, dem Träume mehr bedeuten als die kalte Realität:
Oh! that my young life were a lasting dream… ´twere better than the cold reality of waking life, Oh! dass mein
junges Leben ein andauernder Traum wäre…das wäre besser als die kalte Realität des Wachseins (1. Gedicht
DREAMS, Verse 1 und 5)
Die Wahrnehmung der Realität wird brüchig: Was das ICH an der besungenen Braut vor allem wahrnimmt, ist
nicht das glückliche Erröten ihrer Wangen, sondern ein vielleicht nur eingebildetes Licht in deren Auge: I saw
thee on thy bridal day, when a burning blush came o’er thee (…) and in thyne eye a kindling light, (whatever it
might be) (…) was all (…) my aching sight (…) could see. Ich sah dich an deinem Hochzeitstag brennend erröten
(…) und in deinem Auge ein zündendes Licht (was immer das sein mag) (…) war alles, was mein schmerzlicher
Blick (…) erkennen konnte. (2. Gedicht SONG, Verse 1+2, 5, 7+8)
Dieses ICH fühlt sich von der Sphäre der Nicht-Existenz, von den Geistern der Toten angezogen und gerät in den
Bann von deren mysteriösen Zeichen und Symbolen: The breeze – the breath of god is still and the mist upon
the hill shadowy yet unbroken is a symbol and a token (…) a mystery of mysterys. Die Brise – Gottes Atem - ist
still und der Nebel auf dem Hügel geheimnisvoll, nicht gelichtet ein Symbol und ein Zeichen,(…) ein Rätsel unter
Rätseln. (3. Gedicht SPIRIT OF THE DEAD, 5. Strophe)
Zu guter Letzt ist es dann ein Tagtraum, für den sich das ICH als seinen wahren Leit-Stern entscheidet: That holy
dream while all the world were chiding, hath cheered me as a lovely beam a lonley spirit guiding. What thought
that light thro’ storm and night, so trembled from afar, what could there be more purely bright in Thruth’s daystar?
Dieser heilige Traum, von aller Welt gescholten, hat mich ermuntert wie ein schöner Strahl, der einen
einsamen Geist führt. Denn obwohl dieses Licht aus weiter Ferne durch Sturm und Nacht flackert, was könnte
es an reinerem Glanz geben in der Wahrheit des Tages-Sterns? (9. Gedicht A DREAM, Schluss)
Zu der Musik in 27
Wie die Rolle und die Funktion der Musik bei der durch die Poe-Texte vorgegebene Thematik zu begreifen wäre
– dazu gibt der Titel des Werks einen Hinweis: 27. – Wie, was kann denn eine Zahl über die Thematik von
Traum, Wirklichkeit und Ich-Gewissheit aussagen?
Und wieso 27? Sicher, so gefragt: Nichts.
Andererseits: Die Zahl als solche ist das Erkennungszeichen der Mathematik und steht als solche für Ordnung
und Wahrheit als reine Form. Indem der Mensch die chaotische Wirklichkeit in Zusammenhänge der Mathematik
überführt, entsteht Ordnung.
Die Musik in 27 setzt sich mit den in den Gedichten von Edgar Allan Poe aufgeworfenen existenziellen Fragen
auseinander, indem sie diese zugleich darstellt und direkt erlebbar macht – und dabei zudem, weil sie sich als
Musik ernst nimmt: Ordnet und so in einen neuen geistigen Sinnzusammenhang stellt.
Musikalische Ordnung, Musik überhaupt: entsteht durch Formprinzipien. Diese Formprinzipien sind oftmals
zahlenbezogen: Wiederholung von Klangmotiven (einmal, zweimal, dreimal?); Einstimmigkeit – Mehrstimmigkeit;
Drei(!)-Klang; Rhythmus an sich (der Beat als numerische Folge). Dass Komponisten als die besseren
Mathematiker gelten und die von ihnen geschaffenen Werke voll sind von kryptischer, d.h. im Klang versteckter
Zahlen-Symbolik: dazu gibt es nicht allein im Zusammenhang mit der Analyse des Ouevres von Johann Sebastian
Bach eine Flut wissenschaftlicher Untersuchungen.
FrithjFrithjof lässt das Publikum den Inhalt der Poe’schen Gedichte nacherleben: In Instrumentierung und
Intervallfolgen sirrende Klänge markieren den Grenzbereich von Traum und Realität; Taktwechsel und Off-BeatRhythmik
inszenieren den schwankenden Erlebnisgrund des ICH; Songartige Melodien kontrastieren die düstere
Stimmung; der Widerstreit von Chor und Orchester macht die Bedrängnis des ICH erlebbar; kanonartige
Imitationen erzeugen den Eindruck von Einfältigkeit, der als die andere Seite von Ausweglosigkeit gelten kann;
Fugato-Partien evozieren Selbstsicherheit; die zwischenzeitliche Aufteilung des Chores bis hin zur räumlichen
Abtrennung eines Fernchores wiederum inszeniert Selbst-Reflexion. Um nur einige Beispiele zu nennen. Und
Zahlenspielereien? Dreimal Drei mal Drei mal Drei dreitaktige Chor-Phrasen mit insgesamt 27 (=3x3x3)
Takten an Orchester-Vor-, -Zwischen- und -Nachspielen – das ist Nr. 8: THE HAPPIEST DAY. Summa Summarum
schöpft die Komposition den Reichtum musikalisch-formaler Gestaltungsmöglichkeiten in jeweils
themenbezogener und nachvollziehbarer Weise aus.
Insofern die Darstellung von Stimmungen der Musik wesentlich ist, zeigt sich hier der Komponist als
kommunikationsfreudig gegenüber seinem Publikum: Denn die Groß-Ordnung des Werkes, die Abfolge von
Sätzen und Teilen (welche auch die Abfolge der Gedichte sortiert) erfolgt nach strenger Ordnung und wird dem
Publikum durch die farbige Illumination der Musik-Bühne versinnlicht.
Die Farben zeigen an, dass die insgesamt neun Sätze des Stückes konzentrisch um den fünften Satz STANZAS
aufgebaut sind. Diesem seinem Wesen nach ruhigen Stück ist - allein - die Farbe Grün zugeordnet. Choralartig
reflektieren hier verschiedene Stimmen des ICH in geistiger Auseinandersetzung. Es erklingt ein unbedrängter
Wechselgesang zwischen Chor und Fernchor.
Um dieses Zentrum sind symmetrisch je zwei Stimmungsfelder gebaut: Schwankende Realität (Stück 1 und 9 -
violett); naive Heiterkeit (Stück 2 und 8 - orange); faszinierendes Schrecken (Stück 3 und 7 - blau) und Seelenruhe
(Stück 4 und 6 - gelb).
Dass 27 musikalischer Ausdruck aktueller und bedeutsamer Lebensfragen ist – und dabei originell und
verständlich sein will: das verdeutlicht Frithjof Eydam, indem er das Stück als Ganzes dem Andenken eines lieben
Freundes, Stefan Friedrich, widmet. Der – und wir mit ihm – hätte die Musik ja verstehen sollen – auch können.
Jedenfalls ein bisschen, wie wir dankbar meinen.
© Stefan Werner, September 2018

  • W.A. Mozart: »20. Klavierkonzert d-Moll, KV 466«
  • Frithjof Eydam (geb. 1985): »27 für gemischten Chor und Orchester« URAUFFÜHRUNG (Komponiert 2017 - 2018)

StudioChor Berlin und Kammerakademie Halle

Anastassiya Dranchuk, Flügel, Pianistin

Sog. E-Musik. F. Eydam hat den Anspruch, unter Berücksichtigung der gesamten Musikgesch. einen originellen musiksprachl. Ausdruck für eine spezifische u. relevant-aktuelle Haltung von Mensch zu Welt gefunden zu haben. Originell, publikumswirksam.

www.studio-chor-berlin.de

  • Einführung: Einführung zu 27, Vertonung frühester Gedichte Adgar Allan Poe's, mit Frithjof Eydam, Frau Prof. Dr. Haselstein, Poe-Expertin, Moderation Anja Herzog rbb
  • Dauer: 19.00h, Pausen: 20.40
  • Bemerkungen zum Datum und Uhrzeit: Abendkasse öffnet 18.30 Uhr, Beginn Einführung 19.00 - max. 19.45 Uhr
  • Bemerkungen zum Ort: Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin
  • Ticketpreis: 16 - 30,00 €
  • Kartenvorbestellung: 017645994340
  • Ticketverkauf