Karlheinz Stockhausen © Archiv der Stockhausen-Stiftung für Musik, Kürten
Sa, 15/09/2018, 19:00 Uhr
Konzert

Aimard / Rothbrust / Kobler / Stroppa: Karlheinz Stockhausen II


Musikfest Berlin

Der Ort ist treffend gewählt. 1959 wurde der Große Sendesaal im Berliner Haus des Rundfunks nach umfangreicher Renovierung wieder in Betrieb genommen. Seitdem wird dort in vielfältigen Formen zeitgenössische Musik vorgestellt. Lange war der Rundfunk ein Laboratorium gewagter Tonkunst. Die Werke Stockhausens, die seit den späten 1950er-Jahren entstanden, sind mit der Institution Rundfunk auf dreifache Weise verbunden: Er fand dort Studios, die elektronisches Komponieren ermöglichten, Räume, an denen neue Werke zur Diskussion gestellt werden konnten, und ein Medium der Ausstrahlung.
„Telemusik” entstand in einem solchen Studio, in Japan, als eine universelle Musik. Ihr Material bilden Tonaufnahmen aus China, dem vietnamesischen Bergland, von der Insel Bali, aus dem Amazonasgebiet, aus Spanien, Ungarn und der südlichen Sahara. Das Material ist nicht einfach collagiert, sondern durchgeführt. Die Materialschichten durchdringen sich. Der Rhythmus der einen wurde mit der Lautstärkekurve des anderen, der dynamische Verlauf des einen mit der Harmonik und den Klangfarben des anderen moduliert. Die Stile und Charaktere durchwirken und verwandeln sich gegenseitig. Symbolisch ist die Welt präsent, zusammengehalten wird sie durch den Schöpfer, den Komponisten, der ihre innere Mechanik kennt.
Die „Kontakte” bieten in gewisser Weise das Spiegelbild zur „Telemusik”. Wird in letzterer vokal und instrumental erzeugte Musik elektronisch verwandelt und in einen neuen Seinszustand versetzt, so greifen in den „Kontakten” live agierende Musiker in eine elektronische Komposition ein. Diese entstand aus Verwandlungen der Zeit: Einzelne Impulse ordnen sich zu Rhythmen, Rhythmen schlagen durch fortgesetzte Beschleunigung in Tonhöhen und Klangfarben um. Durch die Überlagerung mehrerer Transformationen und ihrer verschiedenen Stadien entstanden synthetische Klänge „im Niemandsland zwischen Fell und Metall“; in sie tragen Klavier (Pierre-Laurent Aimard) und Schlagzeug (Dirk Rothbrust) die menschliche Interaktion und verleihen dadurch dem elektronisch vorproduzierten ein immer neues Gesicht. Das Widerspiel von Idee und Gestalt, von Material und Werk, von Existenz und Verwandlung wirkt auch im Hintergrund von „Zyklus” und „Refrain”. In beiden wird das vom Komponisten Vorgegebene zum Material, das unterschiedliche Realisationen ermöglicht.

  • Karlheinz Stockhausen: »Telemusik« Elektronische Musik (1966)
  • Karlheinz Stockhausen: »Zyklus« für einen Schlagzeuger (1959)
  • Karlheinz Stockhausen: »Refrain« für 3 Spieler (1959)
  • Karlheinz Stockhausen: »Kontakte« für elektronische Klänge, Klavier und Schlagzeug (1958-1960)

Pierre-Laurent Aimard, Klavier
Dirk Rothbrust, Schlagzeug
Benjamin Kobler, Klavier
Marco Stroppa, Klangregie

https://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/musikfest_berlin/programm_mfb/mfb18_programm_gesamt/mfb18_veranstaltungsdetail_244964.php

  • Einführung: 17:30
  • Haus des Rundfunks
  • Masurenallee 14, Berlin
  • Barrierefreiheit: Sehbehinderung und Blindheit / motorische Einschränkungen / Hörbehinderung / kognitive Einschränkungen