Mi, 31/01/2018, 21:00 Uhr
Konzert / Performance

Maximilian Marcoll with AAA-AAA, Cevdet Erek, Okkyung Lee, Marcus Schmickler


CTM 2018 Festival

Mit dem Thema 2018 Turmoil fragt das Festival nach dem Sound innerer und äußerer Krisen und nach den Möglichkeiten von Musik angesichts der ebenso aufwühlenden wie frustrierenden Gegenwart. Was tun mit solchen Intensitäten? Gibt es eine Ästhetik des Tumults und der Aufgewühltheit, die uns weiterhelfen kann? Welche klanglichen und musikalischen Antworten auf die gegenwärtige Überlast von Erregung, Angst und Auseinandersetzung lassen sich denken?
Der Berliner Komponist, Klangkünstler und Performer Maximilian Marcoll präsentiert an diesem Abend ein neues, an seine „Amproprification“-Reihe angelehntes Werk. In dieser Reihe unterzieht Marcoll Stücke anderer Komponist*innen mithilfe einer computergesteuerten und extrem schnellen Laustärkenmanipulation einer radikalen Transformation. Das musikalische Ausgangsmaterial für das neue Stück „H A C K“ liefert die Live-Performance des E-Gitarrenduos AAA–AAA, das reagiert dabei jedoch sogleich auf Marcolls Eingriffe reagiert. Zwischen zwei Verstärkerwänden positioniert finden sich Musiker und Publikum im Zentrum eines mit psychoakustischen Effekten operierenden klanglichen Aufruhrs, der entsteht, wenn die zähen Schichten der Gitarrendrones durch den Computer rabiat „zerhackt“ werden.
Auch die Avantgarde-Cellistin Okkyung Lee sucht nach einer musikalischen Wandlung von Unruhe und Unbehagen durch ihr expressives und eigensinniges Vokabular erweiterter Spieltechniken. Ihre Inspiration zieht sie aus einer unwahrscheinlichen Mischung aus extremen Noise, Jazz, westlicher Klassik und traditioneller koreanischer Musik.
Der türkische Schlagzeuger und Konzeptkünstler Cevdet Erek präsentiert sein auf Subtext erschienenes Debütalbum Davul mit einem Soloauftritt im Berghain. Sein Erfindungsreichtum im Bereich der Perkussion weiß er sowohl im musikalischen Kontext zur Entfaltung zu bringen (er ist langjähriger Drummer der türkischen Experimentalband Nekropsi), als auch in seinen Installationen (bei Veranstaltungen wie der dOCUMENTA (13), der Sydney Biennale, Istanbul Modern, Istanbul Biennale oder der diesjährigen Biennale in Venedig), bei denen er immersive ortsspezifische Environments konstruiert. Bei seinen Auftritten spielt er eine große, in der Türkei unter dem Namen Davul bekannte Trommel, wobei er selbstentwickelte, idiosynkratrische Methoden verwendet, um die Klangtexturen des Instruments zu maximieren. Mit seinen Improvisationen lehnt sich Erek auch an die Tradition schamanischer Heilrituale an. Ich spiele, sagt er, „um das Negative und Aggressive aus meinem Inneren wegzuholen. Und ich hoffe, das gleiche für andere Menschen um mich herum tun zu können.“ Bei seinem Auftritt im Berghain will Erek das mit Davul aufgeschlossene klangliche und improvisatorische Terrain noch tiefer erkunden.
Für sein neues Stück „Particle/Matter-Wave/Energy“ zweckentfremdet Marcus Schmickler freizugängliche mathematische Modelle und Algorithmen, die für die visuelle Simulation von Schwerkraft im interstellaren Maßstab entwickelt wurden. Während Visualisierungen relativ hohe Auflösungen zulassen, kommen auditive Techniken bei der Darstellung von Vorgängen in der Größenordnung der Kollision von Galaxien schnell an Grenzen. So ist es nahezu unmöglich, Milliarden von Objekten gleichzeitig zuzuhören. In „Particle/Matter-Wave/Energy“ tastet sich Schmickler an die Grenzen wissenschaftlich fundierter Sonifikation vor, bis zu dem Punkt, an dem in unserer Wahrnehmung alles zu einer einzigen enormen Klangmasse zusammenfällt. Damit verweist Schmickler die Hörer zugleich auch auf eine fundamentale Kluft zwischen der Menschen- und Computerwelt: Computer können Vorgängein einer Differenziertheit „wahrnehmen“ und simulieren, deren Komplexitätsgrad längst das, was Menschen wahrnehmen, verstehen und/oder ästhetisch genießen können übersteigt.

Mit dem Thema 2018 Turmoil fragt das Festival nach dem Sound innerer und äußerer Krisen und nach den Möglichkeiten von Musik angesichts der ebenso aufwühlenden wie frustrierenden Gegenwart.

http://www.ctm-festival.de/

  • Berghain
  • Am Wriezener Bahnhof, Berlin