© BStU, MfS, HA XX, Fo, Nr. 43
Do, 14/12/2017, 20:00 Uhr
Musiktheater / Oper

Volk unter Verdacht


Dokumentarisches Musiktheater von Ulrike Ruf

Misstrauen, Kollaboration, Weigerung und Aufbegehren: Nichts war in der DDR so geheim und so folgenschwer wie die Arbeitsweise der Staatssicherheit. Unzählige Mitarbeiter und Informanten trugen Datenmengen zusammen, deren Hinterlassenschaft heute einen Einblick in das perfide System "Stasi" gibt. Das dokumentarische Musiktheaterstück "Volk unter Verdacht" der Regisseurin Ulrike Ruf und der Komponistin Iris ter Schiphorst setzt sich anhand von Originaldokumenten aus Archiven der Stasiunterlagen-Behörde (BStU) mit dem DDR-Apparat auseinander. Im Zentrum stehen Auszüge aus den dokumentarisch-literarischen Erinnerungsprotokollen aus der Haft des Dissidenten Jürgen Fuchs. Zusammen mit Dokumenten der Stasi-Akten verdeutlichen sie die Brisanz der massenhaften Überwachung für den einzelnen Menschen und zeigen, wie die Arbeitsweise der Stasi ein Klima von Angst und Misstrauen schuf. Als 15-köpfiger Chor bildet das Vocalconsort Berlin die Gesellschaft zwischen Individuum und Kollektiv ab. Der Chor interagiert musikalisch und szenisch mit den projizierten Originalvideos und -tondokumenten sowie mit den Kompositionen von Iris ter Schiphorst. Das Publikum erfährt sich selbst sowohl in Täter- als auch Opferposition, wenn es die Perspektive eines Stasi-Mitarbeiters einnimmt oder den bohrenden Fragen eines Vernehmers ausgesetzt ist. In einem partizipativen Prozess verhandelt "Volk unter Verdacht" die Tragweiten und gesellschaftlichen Auswirkungen der systematischen Überwachung in der DDR - und lenkt den Blick gleichzeitig auf die heutige Alltäglichkeit massenhafter Datensammlung.

Ulrike Ruf arbeitet als Musikerin, Autorin und Regisseurin im Grenzbereich zwischen Musik, Performance und Theater. In ihren interdisziplinären Musiktheaterformaten verwebt sie Klang, Sprache und Video mit minimalistischer Choreographie. Geboren in Berlin, studierte sie Violoncello an der HfM "Hanns Eisler Berlin" bei Michael Sanderling und Josef Schwab. Sie spielte regelmäßig im Konzerthausorchester Berlin und konzertierte auf Festivals wie MaerzMusik und dem Schleswig-Holstein-Musikfestival. Prägend für ihren künstlerischen Werdegang war die Zusammenarbeit mit Johann Kresnik und seinem Choreographischen Theater, in dessen Produktionen "BSE - Garten der Lüste" (2001) und "Picasso" (2002) sie an der Volksbühne Berlin als Cellistin und Darstellerin mitwirkte. Mit Guillermo Gómez-Peña entwickelte sie im Rahmen des Festivals MEXartes (2002) die Performance "Mexotica" für die Volksbühne. Bei LaborGras Berlin war sie seit 2009 regelmäßig in der Reihe "Improvisations" u.a. mit Renate Graziadei, Susanne Linke, Anna Huber und Mitgliedern von Sasha Waltz & Guests zu erleben. 2010 erhielt sie für Recherche und Entwicklung des Musiktheaterstücks "SORORI" das Elsa-Neumann-Stipendium des Landes Berlin. 2011 wurde "SORORI" im Rahmen der Klangwerkstatt Berlin mit dem Vocalconsort Berlin uraufgeführt. In "SMER - The Riot of Seduction" in Zusammenarbeit mit dem Solistenensemble Kaleidoskop war sie auf dem Klarafestival in Antwerpen zu erleben. Für die Arbeit an dem dokumentarischen Musiktheaterprojekt "Volk unter Verdacht" erhielt sie das Recherchestipendium des Berliner Senats 2016.

Iris ter Schiphorst ist als Komponistin durch ihre langjährigen Erfahrungen als Musikerin geprägt: im klassischen Bereich als Pianistin sowie in unterschiedlichsten Rock- und Popformationen als Bassistin, Schlagzeugerin, Keyboarderin und Tontechnikerin. Ihr Werkverzeichnis umfasst alle Gattungen, darunter 13 große Orchesterwerke, die von namhaften Orchestern im In- und Ausland zur Uraufführung gelangten, sowie mehrere abendfüllende Musiktheaterwerke und diverse Filmmusiken, seit den späten 1980er Jahren auch eine ganze Reihe multimedialer Arbeiten. Ihre vielbeachtete Kinderoper "Die Gänsemagd" (2009) wurde mit großem Erfolg in Wien, Berlin und an der Oper Zürich aufgeführt. Ihr Orchesterwerk "Gravitationalwaves" (mit Uros Rojko), uraufgeführt 2016 bei den Proms in der Royal Albert Hall London, wurde von der Kritik begeistert aufgenommen. Ihr semi-theatrales Orchesterwerk "Das Imaginäre nach Lacan" für Darstellerin, Orchester und Live-Elektronik mit Salome Kammer in der Hauptrolle (Dirigent: Ilan Volkow, Regie: Helga Utz) ist im November 2017 im Konzerthaus Wien uraufgeführt worden. Iris ter Schiphorst erhielt zahlreiche Preise und Stipendien, u.a. den renommierten Heidelberger Künstlerinnenpreis 2015. Seit 2013 ist sie Mitglied der Akademie der Künste Berlin und seit 2015 Professorin für Medienkomposition an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.

Das Vocalconsort Berlin gilt als einer der besten und flexibelsten Chöre Deutschlands. 2003 gegründet und damit der jüngste der drei Profichöre Berlins, hat das Vocalconsort keinen Chefdirigenten, sondern arbeitet projektweise mit unterschiedlichen Dirigenten, aber vor allem mit festen künstleri-schen Partnern wie Daniel Reuss, Folkert Uhde und Sasha Waltz zusammen. Wandlungsfähig in Besetzung und Repertoire und mit beeindruckender Homogenität, konnte das Vocalconsort Berlin Erfolge auf ganz unterschiedlichen Gebieten feiern: von Monteverdis "L'Orfeo" unter René Jacobs bei den Innsbrucker Festwochen über Haydns "Vier Jahreszeiten" unter Christopher Moulds in Rotterdam und Bernsteins "A Quiet Place" unter Kent Nagano bis hin zu Peter Ruzickas "Inseln, Randlos" unter Leitung des Komponisten selbst. Für die Aufnahme des zweiten Buchs von Gesualdos "Sacrae Cantiones" unter James Wood erhielt das Vocalconsort Berlin 2013 den ECHO Klassik. Das Vocalconsort Berlin ist regelmäßig in den Musikmetropolen und auf den großen Festivals Europas präsent, es arbeitete bereits mit Dirigenten wie Marcus Creed, Jos van Immerseel, Iván Fischer oder Pablo Heras-Casado zusammen. 2017 eröffnete das Vocalconsort Berlin mit Sasha Waltz & Guests in einer choreografischen und musikalischen Raumerkundung die Elbphilharmonie Hamburg.

Eine Produktion von Ulrike Ruf. Gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds Berlin. Kompositionsauftrag von Vocalconsort Berlin, finanziert durch die Ernst von Siemens Musikstiftung. In Kooperation mit RADIALSYSTEM V. Mit Dank an Lilo Fuchs, den Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR und die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.

Ulrike Ruf, Konzept, Künstlerische Leitung und Regie
Iris ter Schiphorst, Konzept und Komposition
Sabine Hilscher, Bühne und Kostüm
Vocalconsort Berlin, mit
Katja Kunze, Viola Wiemker und Susanne Wilsdorf, Sopran
Jennifer Gleinig, Wiebke Kretzschmar und Anna-Luise Oppelt, Alt
Martin Fehr, Hans-Dieter Gilleßen und Martin Netter, Tenor
Simon Berg, Kai-Uwe Fahnert und Tobias Müller-Kopp, Bariton
Jakob Ahles, Thomas Heiß und Frank Schwemmer, Bass
Ralf Sochaczewsky, Choreinstudierung
Ilka Seifert, Dramaturgie
Jörg Bittner, Lichtdesign und Technische Leitung
Christina Voigt, Video
Florian Tippe, Sounddesign
Inge Zysk, Produktionsleitung
Thomas Jung, Assistenz künstlerische Leitung
Tom Lynn und Uros Rojko, Assistenz Komposition
Raquel Moreira, Assistenz Produktionsleitung
Kirsten Junglas, Koordination Vocalconsort

http://www.radialsystem.de/rebrush/rs-programme-monatsuebersicht_neu.php?id_event_date=14933392&language=de_DE

  • Einführung: Auftaktveranstaltung: DO 14. Dezember, 18.30 Uhr Jürgen Fuchs - seine Gedichte, sein Leben Helmuth Frauendorfer spricht mit Lilo Fuchs, Roland Jahn und Hubertus Knabe über Leben und Werk von Jürgen Fuchs.
  • Radialsystem V
  • Holzmarktstraße 33, Berlin
  • Barrierefreiheit: motorische Einschränkungen
  • Ticketpreis: Karten 18 € | 20 € | 24 € | ermäßigt 14 € Angegebene Preise im Ticketbüro des RADIALSYSTEM V, online zzgl. Gebühren.
  • Kartenvorbestellung: 030 - 288 788 588
  • Ticketverkauf